Ruhe gibt es im Auge des Hurrikans

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Ruhe gibt es im Auge des Hurrikans

Spüren Sie die Beschleunigung? Unsere Welt verändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Die technologische Entwicklung, die Globalisierung und die ökologischen Herausforderungen haben zusammen eine Kraft, die unser Leben umkrempelt. „Thank You for Being Late“ ist ein Bestseller über dieses Thema.

Globetrotter. Tom Friedman hat ein interessantes Leben. Er reist durch die ganze Welt, von Madagaskar nach China, vom Umsturz in Ägypten bis zur Technologie-Revolution im Silicon Valley. Darüber schreibt der renommierte Journalist dann in seiner Kolumne in der New York Times – und alle paar Jahre in einem Buch.

Unverhoffte Muße. Aber das Schlüsselerlebnis, das diesem Buch den Titel gab, fand nicht an einem exotischen Ort, sondern zu Hause an der amerikanischen Ostküste statt: Friedmans dichter Tagesplan beginnt häufig mit einem Treffen mit einer InformantIn beim Frühstück. Dabei kommt es oft vor, dass sich sein Gegenüber verspätet. Friedman stellte dabei fest, wie ihm diese Minuten des Wartens unverhofft viel brachten: Er hatte wieder einmal Zeit, um in Ruhe einen Gedanken zu fas- sen – oder wieder einmal die Muße, die Menschen im Restaurant zu beobachten. Das führte dann dazu, dass er eines Tages zu seinem verspäteten Gegenüber sagte: „Thank you for being late“ – auf Deutsch: „Danke für die Verspätung.“

Der Wandel in der Welt. Friedman ist überzeugt, dass wir in einem Zeitalter der Beschleunigung leben. Unsere Welt verändert sich in einem rasanten und zunehmenden Tempo, da gleich- zeitig drei immense Dinge passieren: erhebliche technologische Neuerungen, die fortschreitende Globalisierung und ökologische Veränderungen (Klimaveränderung, Verlust von Biodiversität und die Folgen des Bevölkerungswachstums).

Supernoven. Technologisch entstehen ganz neue Plattformen. Diese entwickeln sich aus dem Zusammen- spiel von leistungsfähigen Computerchips, neuer Software, neuen Speichermöglichkeiten, neuartigen Sensoren und verbesserten Netzwerken. Friedman nennt diese neuen Plattformen „Supernoven“, weil durch sie so viel neue Kraft entsteht. Wir leben jetzt in einer Welt, in der das größte Medienunternehmen (Facebook) keine Inhalte produziert, das größte Taxiunternehmen (Uber) keine Fahrzeuge besitzt und der größten „Hotelkette“ (Airbnb) keine Zimmer gehören.

Als Illustration für die Globalisierung soll eine kleine Anekdote dienen: Der Autor Friedman stellt sein Auto in Washington DC jeweils im gleichen Parkhaus ab. Mit der Zeit kannte er den Mann im Kassierer-Häuschen, und dieser sprach dann den berühmten Journalisten auch an. Man kam ins Gespräch. Dabei erzählte der aus Äthiopien stammende Kassierer, er habe einen Blog im Internet. Fried- man realisierte, dass er in seiner journalistischen Arbeit Konkurrenz von ganz neuen Seiten erhalten würde – auch von dem Mann, dem er seine Parkgebühren bezahlt.

Der gesellschaftliche Sog. Wie sollen wir uns verhalten im Zeitalter der Beschleunigung? Wenn man im Kajak in einem Fluss sitzt und in Strom- schnellen gerät, ist der erste Impuls, das Paddel ins Wasser zu halten, um die Fahrt zu verlangsamen. Dadurch verliert man jedoch die vertikale Stabilität und die Möglichkeit zu steuern. Man muss mit dem Boot etwas schneller als die Strömung sein, um navigieren zu können. Wer also in der gesellschaftlichen Beschleunigung nicht untergehen will, muss irgendwie mithalten können, muss bereit sein, sich stetig zu wandeln – er muss also kontinuierlich paddeln.

Das klingt sehr anstrengend. Deshalb bringt Friedman eine zweite Metapher. Er vergleicht die exponentiellen Veränderungen auf der Welt mit einem Hurrikan. Ganz im Zentrum dieser tropischen Wirbelstürme ist es ruhig. Im Zeitalter der Beschleunigung kommen wir zu Ruhe in der menschlichen Gemeinschaft: in der Familie und der funktionierenden Nachbarschaft. Dort sind wir verankert und aufgehoben.

Umfangreiche Betrachtung. Die Stärke dieses Buches liegt eher in der Diagnose als in den Vorschlägen zur Heilung. Es ist lobenswert, dass Friedman alles in den Blick nehmen will. Aber natürlich ist er nicht bei allen Themen gleich stark und der rote Faden ist stellenweise recht dünn.
Als LeserIn ist man vom Katalog der Veränderungen am Horizont teilweise überwältigt. Aber das Buch leistet einen Beitrag dazu, die Spielregeln der Welt von morgen besser zu verstehen. So schreibt Friedman beispielsweise, dass er sich 1978, nach seinem Studium an der Universität, einen Job GESUCHT habe. Er ist überzeugt, dass seine Tochter nach ihrem Studium einen Job ERFINDEN müsse, um arbeiten zu können.

(Daniel Straub für Zeitschrift Lebensqualität)

 

 

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